1. Platz · Hugo-Junkers-Preis 2026
…das sagt die Jury
Innovativste Vorhaben der Grundlagenforschung
Krebsforschung neu gedacht: Hugo-Junkers-Preis 2026 für KI-gestützte Grundlagenforschung
Laudatio von Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, anlässlich der Verleihung des Hugo-Junkers-Preises 2026 in der Kategorie „Grundlagenforschung“ am 11. Juni in Magdeburg.
Sehr geehrter Herr Minister, lieber Herr Willingmann, sehr geehrter Herr Stolzenberg, sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger, meine Damen und Herren!
Fast jeder zweite Mensch in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Allein im Jahr 2023 erhielten rund eine halbe Million Menschen die Diagnose einer Tumorerkrankung. Trotz bemerkenswerter Fortschritte in Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge bleibt Krebs nach den Erkrankungen des Kreislaufsystems die zweithäufigste Todesursache in unserem Land.
Die Krebsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende Durchbrüche erzielt – nicht zuletzt auf dem Gebiet der personalisierten Medizin und Immuntherapien.
Was jedoch oft im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, ist die Naturstoffforschung. Zu Unrecht – denn einige der wirksamsten Arzneimittel, die wir heute kennen, haben ihren Ursprung in der Natur. Man denke nur an Antibiotika, deren Entdeckung die Medizin revolutionierte, oder an das Aspirin, dessen Wirkstoff Salicylsäure ursprünglich aus Weidenrinde gewonnen wurde. Immer wieder sind es natürliche Moleküle, die den Ausgangspunkt für medizinische Innovationen bilden.
Und auch in der Onkologie ist die Naturstoffforschung seit Jahrzehnten unverzichtbar. Zahlreiche Chemotherapeutika basieren auf Naturstoffen.
Doch der Weg vom Naturstoff zum Medikament ist lang und oftmals schwierig. Vielversprechende Substanzen müssen identifiziert, isoliert und getestet werden. Vor allem aber muss ihre Wirkungsweise präzise entschlüsselt werden – ein hochkomplexer, zeitaufwendiger und kostenintensiver Prozess. Genau hier setzt die wegweisende Arbeit unseres heutigen Preisträgerteams an.
Grundlagenforschung und Wissenschaftsfreiheit als Basis für Innovation
Meine Damen und Herren, bevor ich auf die Forschungsleistung im Detail eingehe, möchte ich die Frage stellen: Was macht solche wissenschaftlichen Durchbrüche überhaupt möglich?
Die Antwort ist: Grundlagenforschung unter Bedingungen der Wissenschaftsfreiheit.
Schon Konrad Adenauer erkannte: „Es gibt auf die Dauer keinen wirtschaftlichen Fortschritt, ohne dass die Wissenschaft auch gepflegt wird.“ Doch aus dieser Einsicht folgt nicht, dass die Wissenschaft nur dann gepflegt werden soll, wenn sie unmittelbar wirtschaftliche Vorteile verspricht. Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt ist nur zu einem gewissen Teil vorhersehbar – und gerade die erhofften Durchbrüche sind es oftmals nicht.
Das Forschungsprojekt, das wir heute auszeichnen, ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung und Interdisziplinarität einen innovativen Ansatz schaffen, der neue Wege in der Krebstherapie eröffnen könnte.
Solche interdisziplinären Durchbrüche brauchen Freiräume. Sie brauchen Forschende, die neugiergetriebene Fragen stellen dürfen, deren Antworten noch nicht absehbar sind. Sie brauchen universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die exzellente Bedingungen für genau diese Art von Grundlagenforschung schaffen.
Wissenschaftsfreiheit ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung für Innovation und damit auch für wirtschaftliches Wachstum. Und sie ist – das müssen wir heute leider feststellen – nicht selbstverständlich. Auch in Demokratien gerät sie zunehmend unter Druck. Umso wichtiger ist es, dass wir sie verteidigen und stärken – gerade auch hier in Sachsen-Anhalt mit seiner traditionsreichen Wissenschaftslandschaft und lebendigen Forschungskultur.
Mit dem Hugo-Junkers-Preis setzen wir ein Zeichen für die Bedeutung der Grundlagenforschung für Innovationen, für die Freiheit der Wissenschaft und für den Standort Sachsen-Anhalt.
Wie KI neue Wirkmechanismen sichtbar macht
Meine Damen und Herren, in der Presse wurde der Forschungsansatz unserer Preisträger unter der prägnanten Formel „Krebs mit KI den Weg abschneiden" beschrieben. Er zeigt eindrucksvoll, wie Grundlagenforschung, modernste Analytik und Künstliche Intelligenz zusammenwirken können.
Ausgangspunkt ist eine Erkenntnis, die in der Krebsforschung zunehmend an Bedeutung gewinnt: Krebs ist nicht nur eine genetische, sondern auch eine Stoffwechselerkrankung. Krebszellen verändern ihren Metabolismus fundamental, um sich rasch zu teilen und unkontrolliert zu wachsen. Dabei entstehen charakteristische Muster von Stoffwechselprodukten – sogenannte Metabolitenprofile –, die einen biochemischen Fingerabdruck der Zelle bilden.
Genau diesen Fingerabdruck macht sich das Preisträgerteam zunutze. Mithilfe modernster massenspektrometrischer Verfahren analysierten die Forschenden die Stoffwechselprofile behandelter Krebszellen. Aufbauend darauf entwickelten sie ein KI-Modell, das präzise Rückschlüsse auf den jeweiligen Wirkmechanismus eines Stoffes ermöglicht.
Die Bedeutung dieser Entwicklung kann kaum überschätzt werden. Zwar ist bei vielen Naturstoffen bekannt, dass sie gegen Krebs wirken – ihre genaue Wirkungsweise bleibt jedoch oft im Dunkeln. Die Arbeit des Teams trägt dazu bei, diese entscheidende Wissenslücke schneller und systematischer zu schließen.
Auszeichnung für einen zukunftsweisenden Forschungsansatz
Meine Damen und Herren, die Forschenden haben damit einen innovativen und zukunftsweisenden Ansatz entwickelt, der gleich doppelt wirkt: Einerseits ermöglicht er es, neue Krebsmedikamente aus Naturstoffen schneller zu erschließen, andererseits hilft er, die Wirkungsweise bereits eingesetzter Chemotherapeutika besser zu verstehen und bislang unbekannte physiologische Effekte oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aufzudecken.
Für diese wissenschaftlich herausragende Forschungsleistung wird der Hugo-Junkers-Preis 2026 in der Kategorie „Grundlagenforschung“ für das Projekt „KI-unterstütztes Metaboliten-Fingerprinting zur Vorhersage der Wirkmechanismen neuer Anti-Krebs-Wirkstoffe“ verliehen.
Der Preis geht an ein Entwicklerteam aus einer Kooperation zwischen dem Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie Halle und der Arbeitsgruppe Bioinformatik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: an Mohamad Saoud, Robert Rennert, Gerd Balcke, Ludger Wessjohann und Alain Tissier vom Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie sowie an Jan Grau und Ivo Große von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Dem gesamten Preisträgerteam meine herzlichen Glückwünsche!