1. Platz
…das sagt die Jury
Sonderpreis: Innovativste Vorhaben und Projekte zur Anpassung an den Klimawandel
Von den Magdeburger Halbkugeln zur Energiewende: Hugo-Junkers-Preis 2026 für innovative Power-to-X-Technologie
Laudatio von Ralf Wehrspohn anlässlich der Verleihung des Hugo-Junkers-Preises 2026 in der Sonderkategorie „Innovativste Vorhaben und Projekte zur Anpassung an den Klimawandel“ am 11. Juni in Magdeburg.
Sehr geehrter Herr Minister Prof. Willingmann, sehr geehrter Herr Staatssekretär Wünsch, sehr geehrte Mitglieder der Jury, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Nominierte,
Von Guerickes Experiment zur Innovation für die Energiewende
Im Jahr 1656 spannte Otto von Guericke auf dem Magdeburger Reichstag Pferde an zwei dicht zusammengefügte Halbkugeln. Er hatte die Luft herausgesogen, und plötzlich hielt das Nichts das Etwas zusammen. Sechzehn Pferde rissen, und nichts geschah. Die Magdeburger Halbkugeln waren geboren.
Knapp 370 Jahre später, nur wenige hundert Meter von jenem historischen Ort entfernt, steht in einer Pilotanlage ein Reaktor. In seinem Inneren liegen Millionen winziger Kügelchen, jede kaum größer als ein Stecknadelkopf. Und jede dieser Kugeln trägt, wenn man sie unter dem Mikroskop aufbricht, dieselbe Idee in sich, die Guericke vor fast vier Jahrhunderten der Welt vorführte: dass eine Schale, kunstvoll gestaltet, mehr leisten kann, als man ihr auf den ersten Blick zutraut.
Meine Damen und Herren, der Sonderpreis „Anpassung an den Klimawandel“ ist in diesem Jahr kein Feigenblatt und kein Sympathiepreis. Er steht für die nächste logische Innovation auf dem Weg zu einem resilienten Energiesystem. Denn die Welt, in der wir heute Abend zusammensitzen, hat das 1,5-Grad-Ziel bereits überschritten. Und während wir noch debattieren, ob wir schneller defossilisieren sollen, ist die Stabilität unseres Stromnetzes, eine technische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, oft nur einen Wetterumschwung von der Überforderung entfernt.
Die Herausforderung: Erneuerbare Energie langfristig speichern
Wir brauchen also nicht nur mehr erneuerbare Energie. Wir brauchen die Fähigkeit, sie zu speichern. Nicht für Stunden, sondern für Tage, Wochen oder sogar Monate.
Genau hier setzt das Projekt an, das die Jury in diesem Jahr einstimmig auf den ersten Platz gewählt hat.
Power-to-X. Drei Buchstaben, die unscheinbar klingen und doch beschreiben, was vielleicht die zentrale Schlüsseltechnologie der kommenden Jahrzehnte sein wird: überschüssigen grünen Strom in transportierbare chemische Energieträger zu verwandeln. In synthetisches Methan, Methanol oder Ammoniak. In Moleküle, die sich tanken, verschiffen und speichern lassen. Moleküle, in denen Sonne und Wind kompakt, transportabel und jederzeit abrufbar gespeichert sind. „Flüssiger Sonnenschein“, wie die Chinesen sagen.
Im Herzen solcher Anlagen schlägt typischerweise ein Festbettreaktor. Ein Stahlbehälter, gefüllt mit Katalysatorpellets, an denen Wasserstoff und Kohlendioxid zueinanderfinden. Eine Technologie, die wir aus industriellen Großanlagen und aus dem Automobilbereich kennen: etabliert, ausgereift und zuverlässig.
Doch diese Reaktoren wurden für den stationären Betrieb entwickelt. Für konstante Eingangsströme. Für eine Welt, in der Energie planbar floss. Wer einen solchen Reaktor heute mit einer Photovoltaikanlage koppelt und auf jede Wolke reagieren muss, der steht vor einer erheblichen Herausforderung. Denn die größte Gefahr im lastflexiblen Betrieb heißt „thermisches Durchgehen“. Die Temperatur im Reaktor steigt unkontrolliert an, der Katalysator wird geschädigt und im schlimmsten Fall steht die gesamte Anlage still. Damit wäre auch ein Investment im zweistelligen Millionenbereich gefährdet.
Das ist die oft unausgesprochene Herausforderung der Energiewende: Wir haben die Stromerzeugung flexibilisiert, doch die Chemie, die diesen Strom speichern soll, hält mit dieser Entwicklung bislang nicht Schritt.
Ein neuer Ansatz für Power-to-X-Anlagen
Und damit, meine Damen und Herren, kommen wir zurück zu jenen kleinen Halbkügelchen, von denen ich eingangs sprach.
Das ausgezeichnete Team stellte sich eine ebenso einfache wie geniale Frage: Was wäre, wenn wir nicht den Reaktor neu erfinden, sondern den Katalysator? Was wäre, wenn sich das Problem von innen heraus lösen ließe?
Die Forschenden nehmen einen handelsüblichen Katalysator, einen jener kleinen dunklen Pellets, die seit Jahrzehnten in der Industrie verwendet werden, und umhüllen ihn mit einer ultradünnen porösen Schale aus Aluminiumoxid. Diese Schicht ist lediglich 0,1 Mikrometer dick und damit etwa tausendmal dünner als ein menschliches Haar.
Diese Schale erfüllt eine bemerkenswerte Funktion: Sie reguliert, wie schnell die Reaktionspartner zum aktiven Kern vordringen können. Sie wirkt wie ein feines Sieb, das die Reaktion genau so weit verlangsamt, dass keine kritischen Temperaturen entstehen, ohne die Produktivität zu beeinträchtigen.
Die Ergebnisse sind beeindruckend. Gegenüber dem bisherigen Stand der Technik wird eine Leistungssteigerung von 200 Prozent erreicht. Gleichzeitig kann das thermische Durchgehen nicht nur kontrolliert, sondern vollständig verhindert werden.
Von der Pilotanlage in die industrielle Anwendung
Besonders bemerkenswert ist, dass es sich dabei nicht um ein exklusives Laborprodukt handelt. Die Pellets werden bereits im Kilogrammmaßstab mithilfe eines skalierbaren Beschichtungsverfahrens hergestellt. Das Team hält auf die Technologie ein weltweites Patent.
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Vorteil: Die neuen Pellets sind „Drop-in“-fähig. Sie können ohne umfangreiche Umbauten direkt in bestehende Anlagen integriert werden. Es müssen keine neuen Reaktoren entwickelt und keine zusätzlichen Stahltanks gebaut werden.
Innovation für Sachsen-Anhalt und den klimafreundlichen Industriestandort
Meine Damen und Herren, der Hugo-Junkers-Preis ist ein Preis für Sachsen-Anhalt. Und es gibt nur wenige Projekte, die so eng mit den Stärken unseres Landes verbunden sind wie dieses.
Denken Sie an den Chemiepark Leuna, eine der bedeutendsten Chemieregionen Europas, mit wachsendem Bedarf an grünem Wasserstoff, synthetischem Methan und klimaneutralen Grundchemikalien. Denken Sie an die Strukturwandelregionen unseres Landes, die nach Technologien suchen, welche Klimaschutz und regionale Wertschöpfung gleichermaßen ermöglichen.
Das ausgezeichnete Projekt steht deshalb nicht nur für Klimaschutz. Es steht für Klimaanpassung im besten Sinne des Wortes. Es unterstützt die Transformation unserer industriellen Infrastruktur in einer Welt, in der erneuerbare Energien nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein werden. Und es tut dies mit wissenschaftlicher Exzellenz, wirtschaftlicher Vernunft und einem hohen Maß an technologischer Eleganz.
Auszeichnung für eine skalierbare Zukunftstechnologie
Die Jury hat in diesem Jahr intensiv beraten. Viele herausragende Projekte wurden eingereicht. Ausschlaggebend war letztlich die seltene Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, Schutz durch ein Patent, erfolgreicher Validierung in einer Pilotanlage und unmittelbarer industrieller Skalierbarkeit.
Das ausgezeichnete System ist ein Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel, der nicht in Forschungsvorhaben verharrt, sondern schon morgen industriell eingesetzt werden könnte.
Der erste Platz in der Sonderkategorie „Innovativste Vorhaben und Projekte zur Anpassung an den Klimawandel“ geht an das Team CoSeCats vom MPI für die Dynamik komplexer Systeme unter Leitung von Prof. Kai Sundmacher.
Herzlichen Glückwunsch!